Markus Becker: Winter Motion
Ist es Jazz? Nicht wirklich. Auch wenn Markus Becker den Begriff hin und wieder selbst verwendet, sieht er das differenziert. Jazz ist ohne Frage ein Einfluss, so auch auf seinem neuen Album „Winter Motion“ (Berthold records, Release im Dezember 2026). Schon in jungen Jahren hatte der Mann aus Hannover, der seit Jahrzehnten für seine Interpretationen klassischer Werke in enormer Bandbreite gerühmt wird, parallel zur üblichen Ausbildung auch Jazz gespielt. Und dessen Freiheiten und Möglichkeiten schätzen gelernt. Doch Markus Becker ist nicht einfach ein klassischer Pianist, der Jazz spielt. Bei seinen – inzwischen regelmäßigen – Ausflügen in Regionen jenseits der sogenannten Klassik schafft er etwas Komplexes, aber auch Spielerisches, das sich aus den verschiedenen Seiten seiner Persönlichkeit nährt.
Beckers Leitfaden ist dabei die Intuition – ein zentraler Faktor gerade von Jazz-Improvisationen. „Ich fühle mich sehr wohl in dieser intuitiven Welt. Für mich geht sie toll zusammen mit der klassischen. Das kontrastiert einerseits, hat aber auch viele Verbindungen, in denen sich die Welten gegenseitig befruchten.“ Dieses Verständnis liegt seinem stark improvisatorisch geprägten Schaffen zugrunde. „Ich würde das gar nicht unbedingt als Jazz bezeichnen. Das ist eine freie Art von Improvisation, in die alles einfließt, was ich an musikalischem Vokabular in mir herumtrage. Mein Gefühl für Improvisation ist auf einem klassischen Fundament gewachsen. Das habe ich mehr und mehr geöffnet.“ Übersehen wird ja oft, dass in der Geschichte der klassischen Musik eine Form improvisatorischer Praxis einst relativ normal war. Das verlor sich. Lange schon, so beschreibt es Becker, gibt es eine scharfe Trennung zugunsten „interpretatorischer Millimeterarbeit“, wie er lachend feststellt. Dabei betonte erst jüngst ein renommierter deutscher Kritiker, „dass Improvisation das Herzstück allen Musizierens ist, das sollte niemand ernstlich bestreiten.“
Das Programm spielt sich zwischen zwei Polen ab. Zum einen sind da weitgehend komponierte Stücke, zum anderen freie Improvisationen, meist Miniaturen. Die Tracks sind so verschränkt, dass sie „aufeinander reagieren“. Eine gezielte inhaltliche und atmosphärische Dramaturgie also anstelle einer Collage, immer mit einem Augenzwinkern moderiert vom höchst sympathischen Pianisten.
Video:
https://www.youtube.com/watch?v=EexSJll5odQ
Audio:
https://open.spotify.com/intl-de/album/7tZmKh4cydhxhzdBW1M5h4
https://open.spotify.com/intl-de/album/7puVJnDwrwxkwvlKoPqYMd
https://markusbecker.bandcamp.com/
Lineup :
Markus Becker – piano
Foto : Kevin Gruetzner